Grenzgänge, bunte Körbe, Schulhöfe und Sklavencamps - die Upper East Region
Montag, 28.03.2022 ReisenVon Boabeng gings nach Tamale, die einzige wirkliche Großstadt im Norden. Dort sollte ich eigentlich bei einer deutschen Freiwilligen und Freundin namens Annika übernachten, was aber spontan nicht klappte, sodass ich in einem günstigen, aber auch etwas schmuddeligen Hotel landete. Keine Ahnung, aber ich hatte schon echt Schiss da zu übernachten und das nach der Nacht im Dorf mit den Hexen... :D
Die Einrichtung kam mir vor wie eine Mischung aus Stundenhotel, altem Flüchtlingsheim und Gefängnis. Ich glaube, ich war die einzige Weiße und die einzige Frau dort und fragte mich, wo ich hier gelandet sei. Natürlich gab es auch besseres, aber aufgrund der Spontanität und dem Wissen, dass ich nur eine Nacht möglichst billig irgendwo übernachten wollte, blieb eben das übrig. Schon meine Zimmertür erweckte den Eindruck, als wäre schon mal eingebrochen worden und ansonsten war es dreckig, staubig und mein Raum direkt mit einem nicht-schließbarem Fenster zur Straße. Ich beruhigte mich mit dem Gedanken, dass ich nur eine Nacht überleben müsste und stand morgens 6 Uhr auf, um noch bevor es zu heiß wurde, ein paar Orte in Tamale gesehen zu haben. Im März beginnt nach der windigen Harmattan-Zeit nun die heiße Zeit, wobei "heiß" auch relativ ist, denn für meine Wahrnehmung ist es fast immer "heiß". In der heißen Zeit klettern die Temperaturen über die Mittagszeit auf 43 Grad Celsius und das bin ich auch nach einem halben Jahr im Süden Ghanas einfach nicht gewöhnt.
So traf ich mich früh morgens mit Annika und aß Frühstück auf einer Holzbank an der Straße, wo ich aus sicherer Entfernung den Verkehr beobachtete. Irgendwie dachte ich an das Verkehrsaufkommen in ghanaischen Städten gewöhnt zu sein, aber hier kam mir alles sehr wuselig vor. Das liegt daran, dass die Fahrzeuge viel kleiner sind. Bevorzugt wird mit Mopeds, Motorrädern und die dreirädrigen „Yellow Yellows“ gefahren. Ein paar Autos und Trotros gibts auch, aber längst nicht so präsent wie im Süden. Die Mopedfahrer fahren eigentlich überall lang, wo sie lang kommen. Das heißt, man muss echt aufpassen, wo man lang läuft, denn neben den Verkehrsmitteln säumen auch viele Marktstände die Straße. Trotzdem wurde die Zeit in Tamale besonders durch das Wiedersehen mit Annika, die Besichtigung des Chiefhauses und des Kunstmarkts einfach super. (Der Chief in Tamale soll außerdem mehrere Frauen z.T. in unterschiedlichen Städten des Landes haben. Seine zweite Ehefrau durfte ich in ihrem runden Eigenheim sogar besuchen.)
Von Tamale gings weiter nach Bolgatanga, was grob übersetzt "viele Felsen" bedeutet. Der Norden ist muslimisch geprägt und das sieht man auf den Straßen, besonders an der Kleidung der Menschen, die oft bodenlang ist. Das ist aber auch praktisch, denn die Sonneneinstrahlung ist sehr stark. Ich kam diesmal in dem wunderschönen Nsamini Guesthouse unter und durfte erstmal in der familiären und privaten Atmosphäre einen Tag ausruhen. Am darauffolgenden Tag machte ich mich auf den Weg zur letzten Stadt vor der Grenze zu Burkina Faso, genannt Paga. Paga ist für seine großen Krokodile bekannt, welche heilig sind. Sie werden in Ruhe gelassen. Die Menschen glauben, dass wenn ein Verwandter stirbt, er sich in ein Krokodil verwandelt. Bevor also die Nachricht vom Tod eines geliebten Menschen, das Vaterhaus erreicht, weiß die Familie schon durch die Anwesenheit des Krokodils Bescheid. (Man gibt dem Krokodil dann etwas zu essen, damit es wieder geht.)
Ich persönlich habe schonmal mit Ehrfurcht ein kleines Krokodil gestreichelt und hatte einfach zu viel Schiss vor den großen Tieren, sodass ich dann nur das nahegelegene Pikworo Sklavecamp besuchte. Dort wurden die Menschen vor hunderten Jahren unter falschen Versprechungen hingelockt. Das erhoffte bessere Leben in Europa wurde aber für die tausenden nie zur Realität, sondern sie mussten den gesamten Weg von Nord nach Süd (immerhin ca. 800 km durch z.T. unwegsames Gelände) zu Fuß bewältigen.
Ich stand in der Mittagshitze auf den Felsen, wo Menschen in Ketten gelegt auf irgendetwas Unbestimmtes warteten, sah die mühsam in Stein gehauenen Vertiefungen, aus denen einmal am Tag irgendwas breiartiges gegessen wurde, sowie das einzige Wasserloch und die Gräber der vielen, die diese erste Etappe nicht überlebten. Es war einfach unglaublich schrecklich. Ich dachte immer schon in den Burgen an der Küste, wie schlimm das sein musste. Aber sich vorzustellen, dass Menschen hier in der absoluten Trockenheit ohne Schatten wochenlang warteten, um anschließend abgemagert einen riesigen Marsch in den Süden anzutreten, das Elend in den Burgen zu erleben, danach wochenlang auf Schiffen wie Sardinen nebeneinander liegend nach Amerika zu fahren, um dort dann extrem hart auf Plantagen und in den Häusern der Weißen zu arbeiten. Ich kann mir gut vorstellen, warum von ihnen das kaum ein Mensch Amerika erreichte...
Nach dem Sklavencamp wollte ich eigentlich noch eine Lehmkathedrale in Navrongo besuchen. Besonders an ihr ist, dass in ihr christlichen Glaube mit traditioneller ghanaischer Baukunst verbunden wurde. Doch leider war die Kathedrale geschlossen, sodass ich nicht soviel darüber erfuhr. Die gesamte Kathedrale ist aus Lehm, genau wie die vielen Rundhütten, die für den Norden Ghanas charakteristisch sind.
Am dritten Tag meines Aufenthalts in Bolgatanga traf ich auf Emmanuel, der mich mehr in das traditionelle Handwerk der Korbflechterei einführte. Er erzählte mir die Geschichte einer Frau, die ein Kind hatte, aber allein für den Lebensunterhalt aufkommen musste. Sie lebte vor hunderten Jahren und während sie überlegte, was sie tun sollte, schnitt sie Grashalme und flocht aus den Grashalmen einen Fächer. Damit lief sie herum, bis jemand kam, dem das gefiel und der ihr den Fächer abkaufte und nach mehr verlangte. So fing sie an, unterschiedliches aus Grashalmen herzustellen. Daraus entwickelte sich die Korbflechterei und bis heute überleben viele Menschen in und um Bolgatanga durch die Herstellung von Körben und Fächern in allen Formen und Farben. Emmanuel erklärt Menschen, wie sie Körber flechten, kauft die Ware auf und versucht sie dann in Ghana und im Ausland zu verkaufen. Neben Körben ist der Norden Ghanas auch bekannt für die Herstellung hochqualitativer Sheabutter und so ist es auch Emmanuels Job Sheasamen zu besorgen und zu erklären, wie man daraus gute Sheabutter macht. Anschließend kauft er das fertige Produkt ab und verkauft es weiter.
Laut Emmanuel sind die Menschen im Norden oft so arm, dass sie nicht für ihre Kinder genügend sorgen können. Besonders junge Frauen sitzen dann oft ohne viel Bildung da und müssen Geld verdienen. Sie finden jemand, der ihnen ein bisschen Geld gibt und viele sind am Ende schwanger… Körbe oder Sheabutter herzustellen ist darum häufig eine der wenigen Alternativen. Trotzdem denke ich, nach dem ich die Preise für die Körbe erfuhr, dass man mit diesen Einkünften gerade knapp überleben kann. Das finde ich schwierig, denn diese Körbe werden säckeweise in z.B. in die USA und nach Deutschland verschifft. Zu wissen, dass die Korbherstellenden trotzdem nur einen Hungerlohn für ihre ausgezeichnete Arbeit bekommen, macht mich traurig.
Am Nachmittag war ich bei Marla und Jiska, den zwei Freiwilligen, die mir schon während der Weihnachtsreise viel aus dem Norden erzählten, eingeladen und konnte meine Erlebnisse direkt teilen. Ich traf sie in ihrer Einsatzstelle, der katholischen Presentation Brother Primary School, wo mich eine große Gruppe aufgeregter Kinder willkommen hießen. Die Schule liegt auf dem weitläufigen Land etwa zwanzig Minuten vom nächsten Dorf entfernt und Marla und Jiska führten mich ein bisschen herum. Ich war vorher noch nie in einer Grundschule, aber vieles war doch ähnlich zu meiner Einsatzstelle, nur noch größer. Anschließend nahmen mich Marla und Jiska mit zu ihrem zu Hause. Sie wohnen nicht in einer Lehmhütte, sondern gemeinsam mit Nonnen in einem ummauerten Haus mit Innenhofgarten und fließendem Wasser.
Draußen halten die Nonnen ein paar Perlhühner und vor dem Eingang sitzt ein Wachmann. Das Gebäude liegt auf einem Berg mit einer tollen Aussicht ins Umland und kann dank einiger Gästezimmer schon ein paar Besucher beherbergen. Irgendwie wirkte dieses große Anwesen inmitten der kargen und von ein paar Bäumchen und v.a. Lehmhäusern geprägten Landschaft seltsam.
Mit Jiska und Marla verbrachte ich dennoch einen guten Nachmittag. Sie meinen, dass sie überlegen, in etwas Kleineres umzuziehen. Da sie mit den Nonnen gemeinsam leben, haben sie nicht so viele Freiheiten wie ich und fühlen sich auch von den Menschen in ihrer Umgebung abgegrenzt. Sie wollen sich gern mehr mit den Menschen leben und damit auch ihren Lebensstandard ändern. Mal schauen, ob daraus was wird.