Boabeng - ein Festival, Geister und rasende Affen…

Dienstag, 22.03.2022 Reisen

Von Kumasi fuhr ich in ein Dorf namens Boabeng, dessen Name eigentlich "Mut" bedeutet.

Die Dorfbewohner erklärten mir, dass der Name auf die Aussage einer ehemaligen Frau eines Chiefs zurückzuführen ist. Das Dorf ist schon sehr alt und früher gab es manchmal Konflikte und Kriege zwischen konkurrierenden Gruppen und Chiefs. In Boabeng wurde dann der feindliche Chief umgebracht und als man seiner Frau den abgeschlagenen Kopf brachte, soll sie gemeint haben, dass jene Menschen, die sogar den Chief getötet haben "sehr mutig" gewesen sein mussten. 

Heute geht es aber friedlich zu in Boabeng und vielleicht liegt das auch an den niedlichen Affen, von denen es im direkt angrenzenden Wald ca. 2000 Exemplare gibt. Die Monameerkatzen und Weißbart Stummelaffen sind hier heilig und dürfen anders als in anderen Regionen Ghanas nicht gejagt und verspeist werden. Mir wurde erklärt, dass einst Menschen in diese Gegend kamen und sie durch die Affen Nahrung und Wasser fanden. Sie fühlten sich von den Affen versorgt und betrachteten sie als kleine Götter.

Noch heute leben die Menschen gemeinsam mit den Affen. Diese sind zutraulich und gehen auf Tuchfühlung, sobald man ihnen etwas zu essen anbietet. Es wird auch ein Stück weit akzeptiert, wenn die Tiere in die Wohnungen einbrechen und sich essen klauen. Wer das nicht will, muss seine Vorräte gut verschlossen halten... Die Affen sind Teil des Alltags und wenn ein Affe stirbt, kommt er oft an einen Ort wo er von Menschen gefunden werden kann. Sobald einer gefunden wird, beginnt kurze Zeit später eine Beerdigungszeremonie, bei der, der Affe in einem kleinen Holzsarg gelegt und mit Anwesenheit der feierlich gekleideten Dorfbewohner auf dem Affenfriedhof im Wald begraben wird. Gleich neben den Gräbern der Affen sind die Gräber der Menschen, welche sich in besonderer Weise für die Affen eingesetzt haben. (Die anderen Dorfbewohner werden woanders beerdigt.)

Trotz aller Besonderheiten haben die Affen ihr normales Affenleben mit Jagen innerhalb des Clans, Rangkämpfe und Nachbarschaftsstreitigkeiten mit anderen Gruppen. So passiert es schonmal, dass ein Affe seinen Schwanz bei einer Auseinandersetzung verliert. Die Reihenfolge beim Essen ist ebenso festgelegt. Sobald das Alphatier da ist, darf keiner vor ihm essen. Die einzige Ausnahme besteht darin, dass eine Affenmutter mit Baby auf der Schulter eines Menschen seine Banane futtert. Das Alphatier hat Respekt vor den Menschen und traut sich nicht anzugreifen, war aber in meinem Fall offensichtlich verwirrt.

(Reisetipp: Für alle, die nach Boabeng wollen: Man fährt von Kumasi mit dem Trotro nach Nkoranza, kauft dort Bananen und Groundnuts (im Dorf selbst gibt es zumindest keine Bananen) und fährt im Sammeltaxi weiter nach Boabeng. Dort gibt es einmal die Möglichkeit in einfachen Unterkünften etwas außerhalb zu übernachten, wo auf vorherige Anmeldung auch für einen gekocht wird oder aber man fragt freundlich vorher an, ob man bei einer Familie im Dorf übernachten darf. Informationen und Telefonnummern findet man auf der Website des Monkey Sanctury. Da die Affen besonders morgens und abends besonders aktiv sind, lohnt sich eine Übernachtung. Man kann aber auch einfach als Tagesgast kommen und zwei bis drei Stunden mit den Affen und dem Wald verbringen. Es gibt auch Touren wie ich eine hatte, wo man noch Hintergründe zu allem erfährt und seine Fragen stellen kann. Dazu meldet man sich an der Rezeption in Boabeng an.)

Nachdem ich im Dorf bei Lisbeth, meiner freundlichen Gastgeberin übernachten durfte und am Morgen mit Sampson viel über die Affen und auch die Bäume im Wald lernte, nahm er mich nachmittags mit zu einem Yam-Festival nach Ameyaw Krom, was so klein ist, dass es nicht bei Google Maps gefunden werden kann. (Bevor das Yam-Festival startet, ist es nicht erlaubt Yam ein in der ghanaischen Küche weitverbreitetes Wurzelgewächs zu essen.) Dafür fuhren wir auf seinem Motorrad enge ungepflasterte Wege an Cashewbäumen entlang, wo wir einen Zwischenstopp einlegten, um die Cashewfrucht zu probieren. (Ja, ein Cashewbaum hat nicht nur weißliche Kerne, sondern auch Früchte.) Sie schmeckte süß und saftig und ich staunte über die schöne Natur und danach ging's auch schon weiter nach Ameyaw Krom. Angekommen begrüßte mich lautes Trommeln und viele Menschen angereist in Kleinbussen scharten sich um einen Platz, auf dem Menschen mit weißbepuderten Körpern tanzten.

Im Dorf gab es größtenteils Lehmhütten, aber anders als in allen anderen Orten, die ich bisher kannte, gab es hier weder eine Kirche noch eine Moschee. In Ameyaw Krom glauben die Menschen an Geister, die z.B. bei einem Festival die Menschen beeinflussen. Anscheinend wird aber nicht jeder beeinflusst, sondern v.a. die Priester und deren Familie und ggf. noch andere, die irgendwie einen spirituellen Zugang dazu haben. Ich entdeckte also Kinder, Frauen und Männer, die herumliefen und dabei Bewegungen machten, die ich spontan mit einem mechanischen Zittern beschreiben würde. Wenn ich versuche, das nachzumachen, gelingt mir das im bewussten Zustand nicht. Auch floss Alkohol und hin und wieder roch es nach Marihuana.

Mitten in der Menschenmenge entdeckte ich plötzlich eine andere „Weiße“. Das war zwar das letzte, mit dem ich an diesem kleinen Ort gerechnet hatte, aber ich freute mich nicht allein da zu sein. Marla macht ihren Freiwilligendienst an einer Schule und kommt eigentlich aus Berlin. Gemeinsam mit ihrem Mentor besuchte sie das Festival und gemeinsam wurden wir neben den Hohepriester gesetzt, der uns kurz darauf ein Malzgetränk ausgab. Der Priester mit Namen Nana Ameyaw selbst war auch in diesem schwer beschreibbaren unbewussten Zustand, in dem er mit uns auf Englisch kommunizierte, aber trotzdem seltsam wirkte. Als wir da so saßen, kamen nach und nach weiß bepuderte Menschen vorbei, die wahlweise weißes Talkumpuder oder Schnaps vor unseren Füßen verstreuten und anschließend uns die Hand gaben. Man erklärte mir, dass das Streuen und Vergießen vor der Begrüßung ein Zeichen des Respekts ist. Allgemein wird den Göttern häufig Schnaps geopfert. Wer plant auf seiner Reise durch Ghana einen Schrein zu besuchen, sollte eine Flasche dabei haben... Ich hatte Glück, da ich durch das Festival den Schrein auch ohne ein Schnapsopfer zu Gesicht bekam. Der befand sich in einem ummauerten Hof und darauf lag schwarzes Holz. Wir saßen so ca. eine halbe Stunde, vielleicht auch länger... und ich beobachtet gespannt die Szene. Die weiß bepuderten Menschen hatten oft eine Waffe in der einen und ein Bündel Tierhaare in der anderen Hand. Das Tierhaar, so erklärte mir Sampson, brauchte man für magische Handlungen und zum Tanz. Bei den Waffen, welche v.a. Beile und Messer waren verhielt es sich so: Wenn man "einen Geist hat", bekommt man Zugang zum Übernatürlichen. Während dieser Zeit kann man sich, so wurde erzählt, nicht wirklich verletzen und selbst wenn man es versucht, wird man kein Leiden davon tragen. Das ist quasi der Beweis für die schützende Macht des Geistes. Was auch immer man davon halten mag. Zwischendurch wurde immer mal in die Luft geschossen und ich hoffte inständig, dass der Mensch der in die Luft schoss gerade keinen Geist hatte... 

Ansonsten erblickte ich zwischen den herumlaufenden Leuten immer wieder ein paar, die irre schnell zu der Trommelmusik tanzten und eine kurze Zeit später wurden wir auch zum traditionellen Tanzen eingeladen. Zum Glück erwartete man jetzt keine super Performance von uns und brachte uns nur ein paar Schritte bei. 

Danach sagte jemand, wir sollten mit Nana Ameyaw Fotos machen und kurz nach dem ich mit meinem Foto fertig war, sagte er, dass der Geist müde ist und gehen wolle. Ich verstand nicht so recht und da brach er auch schon direkt neben mir zusammen und musste auf einen Stuhl gehieft und anschließend aus der Menge gebracht werden.

Fünfzehn Minuten später kamen wir nach. Da saß er da, das weiße Talkumpuder aus dem Gesicht gewischt, mit seinem Kind auf dem Arm, begrüßte uns lächelnd. Er fragte uns, wer wir sind und wusste nichts mehr und wir zeigten ihm die Fotos und Sampson erzählte, was seit unserer Begegnung geschehen war. Da verstand ich, warum die Menschen mit den Geistern immer einen zweiten Menschen als Begleitung dabei haben. Der zweite ist v.a. dafür da, den Zusammenbrechenden aufzufangen und ihm später zu erzählen, was passiert ist. 

Als wir da so standen, kam noch eine weitere Frau vorbei, die uns einen Schnaps ausgab und danach noch jemand, der koffeinhaltige Kolanüsse dabei hatte. Natürlich probierten Marla und ich ein bisschen. Wir mussten ja nicht fahren...

Irgendwann fuhren wir am Abend wieder zurück, um uns alle vier in der Dorfkneipe zutreffen und den Nachmittag zu verarbeiten. Dabei erzählten Sampson (welcher ja Tourguide, aber auch Ingenieur ist) und Marlas Mentor Mr. Boadi von dem Glauben an Hexen und Geister und wie dieser, das Dorfleben prägte. Nach ungefähr dreistündiger Erzählung konnte keiner von uns mehr gut schlafen und Marla und ich hörten in der Nacht darauf die wildesten Geräusche. :D

Ich unterhielt mich im Anschluss noch mit ganz verschiedenen Menschen über meine Erlebnisse und die Thematik Hexen, Wahrsager und Geister und fand raus, dass es tatsächlich ganz normal in Ghana ist, dass es sowas gibt und sich der Glaube daran nicht nur auf die Dorfbewohner beschränkt. Doch der Einfluss, den der Glaube an Geister usw. hat, ist einfach sehr unterschiedlich. So sind viele in Boabeng überzeugte Christen und wissen trotzdem um die Macht dieser Geister und die Gegenwart der Hexen, ohne diese anzubeten. Auf mich wirkt es als gäbe es manchmal nicht so scharfe Grenzen zwischen dem traditionellen Glauben und dem christlichen oder muslimischen Glauben. In Ghana wird das Thema aus meiner Sicht oft sehr frei verhandelt und Dinge, die für uns widersprüchlich wirken gemeinsam gesehen. So wie ich es erlebte wird Religion in Ghana tendenziell mehr als etwas dynamisches und unabgeschlossenes behandelt. Egal ob Traditionalist, Moslem, Atheist oder Christ, die Menschen beurteilen dich nicht aufgrund deines Glaubens oder machen das übermäßig zum Thema. Es gibt keine Zwietracht. Kein "ich bin besser, weil ich Religion X angehöre". Ich habe Ghanaer grundsätztlich immer als freundlich und stark wahrgenommen, denn egal was man glaubt, man weiß nie was morgen kommt und wem man helfen kann oder wer einem hilft.

Dorfstraße in Boabeng

Affenmama mit Baby

der Affenfriedhof im Wald

der Fetischpriester, ein "Geist" und ich ;)

die Schnapsbar

die Cashewfrucht

Zähneputzen mit Marla (Traditionell beliebt sind diese kleinen Stängel. Erst kauen, dann schrubben.)

Meine Gastgeberin Lisbeth, Freiwillige Marla und ich :)