Von Königen, Cola und alten T-shirts… das Zwischenseminar
Montag, 14.02.2022 FreiwilligendienstDas Zwischenseminar, welches in der Hauptstadt der Eastern Region namens Koforidua stattfand, war gefüllt mit vielen interessanten Momenten. Gemeinsam mit Lea, Svenja, Judith sowie Veronica, Rafael und Manasseh, verbrachten wir ein paar gute Tage beim CVJM vor Ort.
Wir reflektierten unsere bisherige Zeit, sprachen über interkulturelle Missverständnisse und trafen jungen Menschen aus dem YMCA vor Ort, was ich echt bereichernd fand. Außerdem durften wir im Bunso Eco Park faszinierende Bäume bestaunen und zwischen ihnen auf ein Hängebrücken entlang taumeln. Besonders cool war der Colabaum. Ja richtig. Früher wurde das Koffein in der Coca Cola aus dem Colabaum gewonnen. (Heute gibt's wahrscheinlich einfachere Koffeinquellen...) Die vielen Infos rund um die Bäume würden noch einen eigenen Blogartikel beanspruchen, darum lass ich das hier mal weg...;)
Einen Vormittag wurden wir zu einem Chief eingeladen und nach den anfänglichen Förmlichkeiten (z.B. der Verbeugung zur Begrüßung) lernten wir was über das “Chiefsystem”, wobei uns seine Hohheit Baffour Nyantekye Tutu Boateng alle Fragen ausführlich und freundlich beantwortete. Er selbst ist Boxer, leidenschaftlicher Scrabblespieler und Bücherwurm sowie Unternehmensvertreter einer deutschen Firma in Ghana, arbeitete früher als Pfarrer und ist jetzt eben noch Chief.
Ein Chief ist quasi der örtliche König. Jede größere Stadt hat ihren Chief und auch für die Dörfer in einer Region gibt es einen König. Daneben gibt es noch so Neben- und Vizekönige, die den Chief unterstützten. (Baffour ist ein Vizechief also der Zweitranghöchste in seinem Gebiet.) Diese haben heute vor allem die Aufgabe örtliche Angelegenheiten in die zu Politik tragen. (Früher waren sie auch Schutzherr und Richter, aber heute gibt es im demokratischen Ghana Polizei, Gerichte, Parlamentsabgeordnete und Parteien.) So kämpfen Chiefs heute v.a. für gute Bildungseinrichtungen, gute Gesundheitsversorgung, Wohnraum, Straßenbau usw. .
Um Chief zu werden muss man, nach allem was ich weiß v.a. ein moralisch handelnder Mensch sein, der einen vorbildlichen Lebenslauf hat. Außerdem sollte man Führungsqualitäten mitbringen. Von Region zu Region unterscheidet sich auch der Auswahlprozess. Oft ist es aber auch von der Familie abhängig in der man lebt. Ist jemand in deiner Verwandtschaft schonmal Chief gewesen, dann ist es wahrscheinlicher, dass sofern alle anderen Voraussetzungen erfüllt sind auch du mal Chief werden kannst. Baffour wurde von einem Rat auf Lebenszeit zum Chief gewählt. Wer Chief ist, wird respektiert und angefragt. Wenn der Chief nicht vermögend genug ist, muss er auch irgendwie Einkommen erwirtschaften. Häufig sind Chiefs v.a. bei Festivals in der Öffentlichkeit zu sehen und davon gibt es so einige...
An einem anderen Vormittag besuchten uns Bismark und Penuel vom Unternehmen "Reusable Bags", die mit uns aus alten T-shirts Beutel herstellen und bedruckten.
Kleiner Zwischenwurf an der Stelle: Kritik zu üben ist besonders in meiner Position eher unangebracht, doch natürlich wärs auch ein bisschen einseitig immer nur zu schreiben, dass alles super läuft.
Der Hintergrund zu den wiederverwendbaren Beuteln ist, dass es in Ghana einfach sehr viel Plastikmüll und kein wirkliches Recyclingsystem gibt. Ich sprach darüber mit unserer Co-Mentorin Veronica und sie erklärte mir, dass während ihrer Kindheit in den 60ern und 70ern kaum Einwegplastik verwendet wurde, es dafür an der ein oder anderen Stelle aber auch nicht so hygienisch zu ging wie heute...
Heute haben sich so scheint mir, viele Menschen an den Plastikmüll gewöhnt und trotzdem gibt es Menschen wie jene von Reusable Bags, die sich Gedanken machen, was man tun könnte, um den Müll zu reduzieren.
Dabei gibt's einige Hürden: zum einen wird praktisch alles in plastikverpackt verkauft, daneben gibt es kaum Mülleimer, sodass viel davon an den Straßenrändern verbrannt wird. Zudem muss man sagen, dass die Einwegplastikthematik um die 20 Jahre alt ist und auch in Deutschland Umweltschutz, verantwortliche Müllentsorgung einige Zeit brauchte, um präsent und umgesetzt zu werden (und da sind wir ja auch immer noch nicht fertig).
Des Weiteren kommt ein unglaublich großer Teil des Mülls markiert als Secondhand Ware aus Industriestaaten wie z.B. Deutschland. Das ist v.a. Elektronik und Kleidung. Bei Elektronik kenn ich mich nicht genug aus aber der Teil der Kleidung, der kein Müll ist, wird hier günstig auf dem Markt verkauft. (Auszug außer meinen seltenen Einkaufserlebnissen, denn das meiste näh ich ja selbst...: Kleider und lange Hosen für ca. 3 Euro/Stück, kurze Hosen für ca. 2 Euro/Stück, Sandalen in Birkenstockqualität für ca. 10 Euro/Paar). Mittlerweile sind auch genug Ghanaer in das Geschäft mit der Secondhandware involviert, sodass ein Einfuhrverbot der Billigprodukte, um die lokale Wirtschaft zu stärken, tausenden Menschen den Job kosten würde. Mit der Secondhandware kommen aber auch Berge an Müll an der Westküste Afrikas an, was einfach Natur und Mensch belastet. Ich wünschte Industriestaaten würden damit aufhören. Ein komplexe Herausforderung, die von vielen Menschen bearbeitet werden muss.