Auf nach Accra!

Mittwoch, 08.12.2021 Reisen

Am vergangen Wochenende fuhren wir nach Accra, auch um Rafael Dreyer, den ich bis dahin nur über Telefonate kennenlernen durfte zu treffen. Er ist ursprünglich aus Westfalen, Pfarrer in Accras deutscher Gemeinde und in die Presbyterian Church of Ghana ausgesandt von der EMS (Evangelische Mission und Solidarität). Es macht richtig Spaß mit ihm über Ghana, Gott und die Welt und was uns sonst noch einfällt zu quatschen. Er empfahl uns eine wunderschöne Unterkunft in Kokrobite, einem Stadteil Accras, der am Meer liegt. Dort durften Svenja und ich eine Nacht in einer kleinen strohbedeckten Rundhütte genießen und nahmen gemeinsam an einer Surfstunde teil. Am Samstagnachmittag lud uns Rafael zu sich nach Haus ein, wo er mit seiner ghanaischen Frau Esther und seinen beiden Kindern Sara und Sergio, 7 Hunden (zwei große und fünf Welpen) sowie zwei Katzen und einem großen wunderschönen Garten lebt. Wir unterhielten uns, bekamen eine Gartenführung (mein Highlight war der Zimtbaum, an dessen Rinde man reiben kann und dann duften die Finger nach Zimt) und machten einen schönen Abendspaziergang, der über teils sehr steinige und unwegsame Abschnitte ging aber eine geniale Aussicht über Accra und das weite Meer bot. Die kleine Mühe war es also wert. :)

Am nächsten Morgen standen wir in aller Frühe auf, um in den englischen Gottesdienst der Presbyterian Church zu fahren. Den Gottesdienst fand ich insgesamt wesentlich klassischer als alle anderen, die ich bisher erlebt habe. Es wurde sogar Orgel gespielt und wir sangen u.a. klassische englische Kirchenlieder. Außerdem gab es einen geschmückten Plastikweihnachtsbaum und alles war so ein bisschen weihnachtlicher dekoriert. Vorn stand eine Pfarrerin, was auch nicht in in jeder ghanaischen Gemeinde üblich ist und ich schön fand. Insgesamt war es eine gute Erfahrung, an die sich eine kleine Rundfahrt durch Osu, den Stadtteil in der sich die Kirche und Rafaels Arbeitsstelle sowie einige gute Restaurants befinden, anschloss. So fuhren wir noch zur ältesten Kirche Accras die Osu Ebenezer Presbyterian Church, wo ein Gottesdienst mit so vielen Leuten war, dass die Leute draußen saßen... Außerdem lernten wir ein sehr modernes Gotteshaus, die Ridge Church kennen, wo u.a. die deutsche Gemeinde untergebracht ist. Insgesamt muss man sagen, dass sowohl die Gehälter der Pfarrerinnen und Pfarrer als auch die Größe und die Ausstattung von Kirchen und Gemeinderäumen häufig vom finanziellen Wohlstand der Gemeinde sowie deren Bereitschaft zu spenden abhängig ist... So gibt's von klimatisierten Großkirchen mit tausenden Mitgliedern bis zur kleinen Gemeinde auf dem Land alles.

Nach dem Besuch bei den Kirchen fuhren wir nochmal ans Meer, doch diesmal zu einer Sklavenburg. Die Christiansborg oder auch Osu Castle genannt, wurde 1652 gebaut und zählt für mich zu den berührendsten Erfahrungen bisher. Das lag zum einen an unserem ghanaischen Guide, bei dem ich spüren konnte, wie sehr ihn die Geschichte rund um die Sklaverei bewegt und an dem Ort selbst. Dort ist sehr viel erhalten und so standen wir z.B. im Gefängnis, wo viel zu viele Menschen eingesperrt wurden und es nur eine Lichtquelle gab. Daran schließt sich gleich ein zweites komplett dunkles Gefängnis an, wo jene reinkamen, die aufgemuckt haben. Außerdem gingen wir durch einen Gang, durch den die Menschen damals gefesselt zu den Schiffen getrieben wurden. Allein der Ort machte mir schon Angst und ich bekam eine leichte Ahnung davon, wie sich Entmenschlichung und tiefes Gebrochenwerden anfühlen muss. Es muss für die Sklaven die Hölle gewesen sein und ich empfand es als so unangebracht und zynisch, dass genau über das Gefängnis eine Kapelle gebaut wurde. D.h. dass die Sklavenhändler im Gottesdienst saßen, während die verzweifelten Schreie der Sklaven unter ihnen zu ihnen hoch drangen (!) Die einzige Möglichkeit wie das überhaupt zu erklären ist, ist die Tatsache, dass für die Sklavenhändler die Menschen in den Gefängnissen keine Menschen waren und sie ihre Taten so vor sich selbst rechtfertigen konnten. Des Weiteren wurden nicht nur die Menschen an der Küste versklavt, sondern auch Menschen aus dem Norden Ghanas bisweilen sogar aus Burkina Faso, was an Ghanas Norden grenzt. Solche Sklavenmärsche von Nord nach Süd wurden auch dadurch möglich, dass die verschiedenen Stämme, in denen die Menschen lebten z.T. untereinander verfeindet waren und so nach Auseinandersetzungen die gerade unterlegenen Feinde an die Sklavenhändler verkauft wurden. Dafür bekam man Waffen, Schießpulver und Whisky...

Ich wär ja glücklich, wenn es heute keine Ausbeutung und keinen Menschenhandel mehr gäbe, doch das gibt's leider immer noch, nur eben viel versteckter und medial relativ wenig beachtet. Das macht mich traurig und interessiert mich gleichzeitig sehr. Gute Anhaltspunkte, auf die ich Zukunft (v.a. in Deutschland) mehr achten will, ist beim Kauf von Importprodukten auf das fairtrade-Siegel zu achten und alles andere einfach so wenig wie möglich zu kaufen (z.B. keine neuen elektronischen und am Ende selten genutzten Geräte).

Auf jeden Fall bin wieder sehr dankbar, so viel lernen zu dürfen und eigentlich gäbe es noch soviel zu erzählen... aber das sprengt den Rahmen und ich will ja noch was berichten, wenn ich wieder in Deutschland bin. ;)

Kokrobite

Männer, Frauen und Kinder helfen mit beim Ziehen der gefüllten Netze am Morgen

surfen dürfen - ein Geschenk :)

Der wunderschöne tropische Garten bei Rafael

Svenja und ich :)

Die älteste Kirche Accras

Osu Castle (Man findet das Motiv auch auf dem 50-Cedi-Schein)

Das Osu Castle von außen

Svenja, Rafael und ich beim Eisessen (für mich in Ghana was besonders, was es nicht überall gibt)